Positionen von Wolfgang Kubicki im Perspektivwechsel
Positionen von Wolfgang Kubicki (Perspektivwechsel Special – Theater Ost am 25.08.2026)
Die folgende Übersicht gibt Positionen wieder, die Wolfgang Kubicki im Verlauf des Gesprächs formuliert hat. Beispiele, persönliche Erfahrungen und rhetorische Zuspitzungen werden dabei von grundsätzlichen Positionen unterschieden.
1. Leistung und wirtschaftlicher Erfolg
Friedrich betrachtet wirtschaftlichen Erfolg und auch großen persönlichen Wohlstand nicht als moralisch problematisch. Er kritisiert vielmehr eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der Leistung und Erfolg unter Verdacht gerieten. Hohe Abgaben und mangelnde Anerkennung von Leistung könnten dazu führen, dass qualifizierte, leistungsbereite Menschen Deutschland verlassen.
2. Ungleich verteilte Talente, möglichst gleich verteilte Chancen
Friedrich stellt fest, dass Menschen über unterschiedliche Talente und Fähigkeiten verfügen. Er formuliert ausdrücklich, dass die Chancen beziehungsweise „Opportunitäten“ möglichst gleich verteilt sein sollten. Als Bereiche, in denen Deutschland für gleichere Chancen sorgen sollte, nennt er insbesondere Bildung, das Steuersystem und Möglichkeiten, international tätig zu sein.
3. Wohlstand muss zunächst neu erzeugt werden
Soziale Verteilung setzt für Friedrich voraus, dass neuer Wohlstand erwirtschaftet wird. Dafür nennt er höhere Bildung, Forschung, angewandte Forschung und industrienahe Innovation. Eine Politik, die lediglich den bestehenden Wohlstand verteile und den Status quo verteidige, hält er langfristig für nicht tragfähig.
4. Staatliche Verantwortung und Politikerhaftung
Friedrich fordert, bei Fehlentwicklungen nicht nur private Akteure, sondern auch die staatlichen Strukturen und politischen Verantwortlichen zu betrachten, die diese ermöglicht haben. Er bringt ausdrücklich eine „Verursacherhaftung“ beziehungsweise „Politikerhaftung“ ins Gespräch.
5. Doppelte Standards beschädigen staatliche Legitimität
Besonders aus ostdeutscher Erfahrung betrachtet Friedrich die Diskrepanz zwischen verkündeten Regeln und tatsächlichem staatlichem Handeln als gefährlich. Sie führe zur Erosion des Vertrauens in die Integrität staatlicher Akteure und sei eine Ursache politischer Entfremdung.
6. Kritik an schuldenfinanzierten Sondervermögen ohne klare Verwendung
Friedrich kritisiert sehr große kreditfinanzierte staatliche Programme, wenn deren konkrete Mittelverwendung und wirtschaftliche Tragfähigkeit nicht ausreichend bestimmt seien. Er überträgt dabei betriebswirtschaftliche Maßstäbe auf staatliches Handeln.
7. Politik nach Ergebnissen statt nach moralischen Absichten beurteilen
Friedrich wendet sich gegen die Vorstellung, dass ein moralisch gutes Ziel bereits die eingesetzten Mittel rechtfertige. Politisches Handeln müsse danach beurteilt werden, ob es tatsächlich zu guten oder schlechten Ergebnissen führt.
8. Technologischer Wandel vor allem als Chance
Friedrich hält den konstruktiven Umgang mit Veränderung für eine zentrale gesellschaftliche Fähigkeit. Risiken sollten nicht ausgeblendet, Chancen technologischer Entwicklung aber stärker diskutiert werden. Produktivitätsgewinne könnten nach seiner Vorstellung auch zu erheblich weniger notwendiger Erwerbsarbeit führen.
9. Automatisierung und internationale Talente
Friedrich fordert eine stärkere Nutzung von Automatisierung und technologischer Entwicklung in Deutschland. Dafür sollten besonders leistungsfähige internationale Fachkräfte und Kreative nach Deutschland geholt und mit großen Freiheitsräumen ausgestattet werden. Er bezeichnet sich selbst ausdrücklich als „grundliberalen Menschen“.
10. Die politische Elite hängt zu stark an der alten Bundesrepublik
Friedrich sieht Teile der deutschen politischen Elite gedanklich in einem überkommenen Bild der Bundesrepublik der 1980er Jahre gefangen. Statt alte Zustände wiederherstellen zu wollen, müsse Deutschland seine künftige Rolle in Europa und der Welt sowie seine Wettbewerbsvorteile bestimmen. Er stellt dabei auch einen stärkeren Generationswechsel zur Diskussion.
11. Gegen Kontaktschuld und Diskussionsvermeidung
Friedrich kritisiert eine politische und mediale Kultur der „Kontaktschuld“, Diskussionsvermeidung und Ausgrenzung. Insbesondere gegenüber eigenständigen ostdeutschen Positionen nehme er diese Mechanismen wahr.
12. Ostdeutsche Transformationserfahrung als gesamtdeutsche Ressource
Friedrich interpretiert die friedliche Transformation von 1989/90 nicht nur als historische Erfahrung, sondern als Wissen über den geordneten Umgang mit fundamentalen Systemveränderungen. Dieses Wissen werde politisch zu wenig anerkannt und könne für heutige Transformationsprozesse genutzt werden.
13. Ost und West besitzen komplementäre Fähigkeiten
Friedrich will die Ost-West-Frage nicht als dauerhaften Gegensatz verstanden wissen. Er argumentiert vielmehr, Ost- und Westdeutsche verfügten angesichts aktueller Veränderungen über komplementäre Erfahrungen und Fähigkeiten, die zusammengeführt werden sollten.
14. Deutsche Außenpolitik sollte weniger konfrontativ und stärker interessenorientiert sein
Friedrich kritisiert eine Außenpolitik, die andere Staaten moralisch oder kulturell belehrt und dadurch wirtschaftliche und politische Beziehungen beschädigt. Er fordert wechselseitigen Respekt und dieselben professionellen Standards für Deutschland, die Deutschland von anderen verlangt.
15. Russland hat die Ukraine überfallen – dennoch braucht es Deeskalation
Friedrich widerspricht der russischen Verantwortung für den Krieg ausdrücklich nicht. Als Kubicki feststellt, Russland sei in die Ukraine einmarschiert und habe Verträge gebrochen, antwortet Friedrich: „Da gebe ich Ihnen komplett recht.“ Gleichzeitig hält er eine Strategie permanenter Eskalation für falsch.
16. Deutschland sollte eine Vermittlerrolle gegenüber Russland anstreben
Friedrich glaubt, dass Deutschland aufgrund seiner historischen und kulturellen Beziehungen zu Russland eine besondere Fähigkeit zum Interessenausgleich besitze. Er widerspricht Kubicki ausdrücklich in dessen Einschätzung, Russland wolle mit Deutschland nicht sprechen, und hält eine deutsche Vermittlungsrolle für möglich und wünschenswert.
17. Annäherung an Russland sollte auch von unten erfolgen
Friedrich stimmt Kubickis Vorschlag zu, Kontakte zunächst über Wissenschaft, Journalismus, Kommunen und Städtepartnerschaften wieder aufzubauen. Er ergänzt ausdrücklich Kultur und einen Generationswechsel; die derzeit handelnden Generationen seien auf beiden Seiten zu verhärtet.
18. Die Vorgeschichte des Ukrainekrieges soll berücksichtigt werden – ohne den Überfall zu rechtfertigen
Friedrich fordert eine differenzierte Betrachtung der Vorgeschichte des Konflikts. Er verweist dabei auch auf Erfahrungen und Opfer im Donbass, räumt aber ausdrücklich ein, die genauen Zahlen nicht zu kennen. Gleichzeitig stimmt er eindeutig zu, dass diese Vorgeschichte einen russischen Einmarsch nicht rechtfertigt.
19. Ostdeutsche Erfahrung könne bei Deeskalation mit Russland helfen
Friedrich überträgt die ostdeutsche Erfahrung einer relativ friedlichen Systemtransformation auf die Frage internationaler Konfliktlösung. Diese Erfahrung solle stärker genutzt werden, um gegenüber Russland eine deeskalierende Situation herzustellen und damit auch der Ukraine eine Perspektive zu eröffnen.
20. Putin sollte nicht ausschließlich aus einer Eskalationslogik betrachtet werden
Friedrich berichtet von Gesprächen in Moskau und vertritt die Hypothese, Putin habe nach dem Kalten Krieg eine stärkere Einbindung Russlands in Europa gesucht; respektvoller Umgang und deutsche Vermittlung könnten aus seiner Sicht möglicherweise Konzessionen erleichtern. Er stellt dies nicht als gesicherte Tatsache dar, sondern als ihm in Moskau vermittelte und von ihm für schlüssig gehaltene Erklärung.
21. Rechtsstaatliche Standards müssen auch bei Sanktionen gelten
Friedrich stimmt der These ausdrücklich zu, Sanktionen ohne hinreichende Rechtsschutzmöglichkeiten stünden im Konflikt mit rechtsstaatlichen Prinzipien. Er verbindet dies mit seiner generellen Kritik an doppelten Standards gegenüber Russland.
22. Die deutsche Medienlandschaft ist nicht insgesamt uniform
Friedrich widerspricht ausdrücklich der pauschalen Behauptung, die westdeutsche Medienlandschaft sei einheitlich. Er sieht ein breites Spektrum unterschiedlicher Medien, identifiziert aber einen kleinen, sehr lauten und seiner Ansicht nach stark gleichförmigen Teil des Betriebs.
23. Medienpluralismus ist vorhanden – Leser müssen ihn nutzen
Friedrich sieht die Möglichkeit zur pluralen Information grundsätzlich gegeben. Leser könnten sich aus verschiedenen politischen Perspektiven informieren; entscheidend seien Neugier und die Bereitschaft, verschiedene Quellen zu nutzen. Berliner Zeitung und Ostdeutsche Allgemeine versteht er dabei als zusätzliche Angebote.
24. Pressefreiheit ist ein hohes Gut, erzeugt aber Verantwortung
Friedrich verteidigt die Meinungs- und Pressefreiheit ausdrücklich als „höheres Gut“. Gerade ihre weitreichenden Möglichkeiten verpflichteten Journalisten, Redaktionen, Herausgeber, Eigentümer und öffentlich-rechtliche Gremien aber zu besonderer Verantwortung für das gesellschaftliche Klima.
25. Medien tragen Mitverantwortung für die vergiftete politische Kultur
Friedrich sieht Medien als einen wesentlichen Akteur bei der Polarisierung und Vergiftung des öffentlichen Diskurses. Er kritisiert insbesondere fehlende Selbstreflexion und die Weigerung, Konflikte argumentativ auszutragen.
26. Journalismus soll widersprüchliche Perspektiven sichtbar machen
Friedrich beschreibt das publizistische Ideal seiner Zeitung als Gegenüberstellung konkurrierender Perspektiven statt eindeutiger Lagerzuordnung. Als Beispiel nennt er die Veröffentlichung eines von der FAZ abgelehnten Briefes zusammen mit einer redaktionellen Einordnung, die zugleich Pressefreiheit und die Verurteilung des russischen Angriffs betonte.
27. Weitgehende persönliche Freizügigkeit
Friedrich äußert ein ausgesprochen liberales Verständnis persönlicher Bewegungsfreiheit: Jeder Mensch solle grundsätzlich dort leben können, wo er wolle. Zugleich verlangt er faire, wechselseitig geltende Regeln und deren Durchsetzung.
28. Theater Ost
Friedrich beschreibt den Konflikt um das Theater Ost als staatlich-politischen „Compliance-Konflikt“ und als „riesige Ungerechtigkeit“. Das ist seine persönliche Bewertung der konkreten Konstellation, keine im Gespräch bewiesene Tatsachenfeststellung.
Das vollständige Gespräch
Wer sich die Veranstaltung vollständig ansehen und sich selbst ein Bild machen möchte, findet hier die Aufzeichnung:
Wolfgang Kubicki und Holger Friedrich im Perspektivwechsel im Theater Ost – vollständiges Gespräch