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Holger Friedrich und die Stasi: Chronologie und Dokumente

24.09.2026 - Update

Mehr als 35 Jahre nach dem Ende der DDR ist die Stasi noch immer präsent – oft allerdings weniger als Geschichte als in Form von Zuschreibungen, Verkürzungen und Urteilen. Im Fall von Holger Friedrich wurde aus einer langen Aktenbiografie vor allem ein kurzer Ausschnitt öffentlich wirksam. Diese Seite legt deshalb die ganze Geschichte offen: chronologisch, anhand der Akten und mit den Dokumenten, auf die sich die Darstellung stützt.

Die Akten erinnern zugleich daran, welchen Wert Selbstbestimmung, Freiheit und eine Verfassung haben, die den Einzelnen vor staatlicher Übergriffigkeit schützt. Und sie erinnern die Presse daran, dass ihre Privilegien Verantwortung bedeuten: sauber zu prüfen, Widersprüche auszuhalten und Menschen nicht zum Material einer fertigen Geschichte zu machen. Manches in diesen Akten ist bedrückend. Manches ist so detailversessen und absurd, dass man heute nur noch den Kopf schütteln kann. Gerade deshalb sollte man sie lesen.

 

Welche Rolle spielte die Stasi in Ihrem Leben?

Wie kam es dazu, dass die Stasi eine Akte über Sie führte?

Wie kam es zur Eskalation?

Die Reaktionen 2019 – mehr als 30 Jahre später. Wie nehmen Sie das wahr?

Wie beurteilen Sie heute Ihre dreimonatige Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit – persönlich, politisch und moralisch?

Warum haben Sie Ihre IM-Tätigkeit vor dem Kauf des Berliner Verlags 2019 nicht öffentlich gemacht? Würden Sie heute wieder so entscheiden?

Welche öffentlichen Aussagen über Ihre damalige IM-Tätigkeit halten Sie angesichts des Birthler-Kowalczuk-Berichts für sachlich falsch, unvollständig oder irreführend?

 

Welche Rolle spielte die Stasi in Ihrem Leben?

Es gab drei Phasen.

Phase 1 war die übliche Situation in der DDR, in der der Staat neben gesellschaftlichen Gruppierungen wie Parteien, Gesellschaften, politischen Vorfeld-Organisationen, der Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten auch mit einem Geheimdienst versuchte, seinen Machtanspruch gegenüber der Bevölkerung durchzusetzen. Man versucht, die Mechanismen zu verstehen, sortiert die Interessen und weicht bei Gegenläufigkeit der Interessen aus.

Die Phase 2 war eine Eskalation während meines Wehrdienstes, in dem es zu massiven Übergriffen seitens Stasi-Verantwortlichen und mit ihnen kooperierenden Menschen aus meinem sozialen Umfeld kam. Es endete in einer Abwägung. Die Situation hatte ich teilweise vorsätzlich provoziert, gleichzeitig war ich über die Reaktion innerhalb der militärischen Strukturen des DHS überrascht. Die Optionen der Konsequenzen lagen in drei Härtegraden vor. Ich habe versucht, die Situation so zu gestalten, dass die Eskalation ausbleibt, die Interessen der Staatsvertreter unterlaufen werden und geringstmöglicher Schaden für alle Involvierten, für mein soziales Umfeld und für mich entsteht.

Die Phase 3 war eine ans Hysterische grenzende Reaktion in westdeutschen Medien und Eliten auf nicht nur den kleineren Teil, sondern sogar den kleinsten Teil einer Gesamtgeschichte. Bis auf wenige Ausnahmen wurde unsachlich, diffamierend und diskreditierend reagiert. Dieser Umstand hält bis heute an, wobei der interessanteste Aspekt die wiederkehrende Kooperation von Opportunisten ist, nur zu anderen Zeiten und mit anderen Mechanismen. Denen, die sich abwägend verhalten haben, bin ich dankbar. In Phase 1, wie in Phase 2 als auch heute in Phase 3. Wie in Phase 1 und 2 habe ich versucht, anderweitige Interessen zu unterlaufen und den Schaden für alle Involvierten gering zu halten.

 

Wie kam es dazu, dass die Stasi eine Akte über Sie führte?

Neben den üblichen pädagogischen Herausforderungen eines Heranwachsenden zur Herausbildung einer allseits gefestigten sozialistischen Persönlichkeit gab es in Berlins Mitte immer wieder besondere Situationen. Die DDR-Führung legte Wert auf ungestörte öffentliche Ordnung in der ostdeutschen Hauptstadt. Da ich in Berlins Mitte aufwuchs, kam es erwartbar und durchaus üblich, wiederkehrend zu Konflikten mit der Staatsmacht. Infolge wurde man ab und an von der Polizei aufgegriffen. Mitunter verbrachte man Stunden in der „Keibelstraße“ am Alexanderplatz, dem Ostberliner Polizeipräsidium oder wurde zur „Klärung eines Sachverhaltes“ vorgeladen.

Meine Stasi-Akte beginnt 1983, als ich im ungarisch-jugoslawischen Grenzgebiet ca. 10 Kilometer vor dem Donau-Grenzübergang 16-jährig durch die dortigen Grenztruppen festgenommen wurde. Nicht wegen eines Fluchtversuchs. Ich bin direkt an der Mauer in Berlins Mitte, zwischen den Grenzübergangsstellen Heinrich-Heine-Straße, Friedrichsstraße sowie Checkpoint Charlie aufgewachsen und dachte allen Ernstes, problemlos am ungarisch-jugoslawischen Grenzübergang als südlichstem Punkt meiner Reise „anschlagen“ und wieder Richtung Berlin per Anhalter zurückreisen zu können.

Nach meiner Entlassung durch die ungarischen Grenztruppen und „befohlenen“ Rückreise nach Berlin hatte ich einige interessante und interessierende Gespräche in der Schule hinter mich zu bringen. Gleichzeitig begannen regelmäßig unregelmäßig diffuse Kontaktaufnahmen von interessierter Seite. Ein Beispiel anbei. Dem wich man folgenfrei aus.

Eine Konsequenz war ebenso, dass durch Empfehlung und Vermittlung eines Familienmitgliedes eine 25-jährige militärische Verpflichtung im Familienkreis diskutiert und initiiert wurde. Das hat dankeswerterweise meine Mutter überaus energisch gegenüber gleich interessierten Stellen verhindert.

 

Wie kam es zur Eskalation?

Das war interessanter. Wir wurden als Gruppe von ca. 80 jungen Männern und ca. 80 jungen Frauen 1986 eingezogen. Es war der erste Jahrgang in der DDR, in dem auch Frauen freiwillig den Wehrdienst ableisten konnten. Wir verbrachten die ersten Wochen der militärischen Grundausbildung in einer Kaserne der Luftverteidigungsstreitkräfte in der Nähe von Neubrandenburg.

Während dieser Zeit entstanden persönliche Kontakte, die nach den Versetzungen in die Einheiten im Diensthabenden System des Warschauer Pakts weiter gepflegt wurden. Mal intensiver, mal weniger intensiv. Alle ohne jede Verbindlichkeit und mehr aus der Situation entstanden, dass man unter hohem Druck Dinge lernen musste, die man nicht lernen wollte. Hierarchien, Unterordnung oder das Töten.

Unter diesem Druck sortieren sich Gruppen und ein kleinerer Teil war der Meinung, damit anders umzugehen als der größere Teil. Dieser kleinere Teil hielt dann weiter Kontakt zueinander.

Kontakte wurden durch persönliche Treffen oder durch Briefe gehalten. Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnten: Unsere Briefe wurden massiver als wir dachten, mitgelesen. Gleichzeitig wurden unsere persönlichen Dinge bei erlaubter und insbesondere unerlaubter Entfernung aus der Dienststelle Kontrollen unterzogen. Bei einer dieser Kontrollen sind Briefe und Briefentwürfe in zwei Dienststellen unabhängig voneinander kontrolliert worden, die aber den gleichen Personen zugeordnet wurden. Diese Personen hatten ein vertrauliches, freundschaftliches Verhältnis, viel Fantasie und waren strukturell vom Dienst in einer Armee gelangweilt. Die Texte wirkten demnach für einen Offizier, der andere Lebenswirklichkeiten als wir in Berlin kannten, mindestens irritierend, wenn nicht sogar verstörend.

Einer dieser zuordenbaren Personen war ich. Der militärische Teil der Stasi eröffnete daraufhin gegen uns Untersuchungsverfahren. Erst in sogenannten Voruntersuchungen. Später in Phasen eines sogenannten Operativen Vorgangs, ein Beweissicherungsverfahren, um gerichtsfeste Beweise für eine Anklage wegen bewaffneter Fahnenflucht nach Paragraf 254 Absatz 1 und 2 des Strafgesetzbuches der DDR zu ermitteln. Sowie noch zwei, drei anderer weniger wesentlicher potenzieller Straftaten.

Wie sich später herausstellte, waren Vorphase und der „Operative Vorgang“ gezeichnet von einerseits irritierend korrekt agierender Bürokratie (Auftragsersuchen – Ermittlung). Andererseits dem Einsatz einer Vielzahl von Informellen Mitarbeitern und der Mobilisierung praktisch unseres vollständigen sozialen Umfeldes innerhalb des Militärs, auch außerhalb, so beispielsweise ehemaliger Kollegen, Nachbarn und selbst meiner damaligen Freundin und ihrem Vater.

Das mag aus heutiger Sicht irritierend wirken, ist aus damaliger Perspektive jedoch vollständig nachvollziehbar und in gewissem Rahmen auch verständlich, da hoher innerer und äußerer Repressionsdruck gerade in der späten Phase der DDR herrschte. Ich nehme das niemandem übel und bedanke mich eher bei denen, die damals und heute abwägend, einordnend und deeskalierend mit den Situationen umgegangen sind. Das sei an dieser Stelle erwähnt. Stellvertretend möchte ich Danke sagen bei Bösel, Birke, Matthias, David, Sven, Major Veit, Kerstin und noch vielen anderen.

Die späte Phase dieser „Untersuchungen“ war geprägt von zwei sich gegenseitig aufschaukelnden Strängen: Einerseits meiner zunehmenden (und gegeben der Umstände und potenziellen Konsequenzen gänzlich unnötigen) Provokationen, da mir mehr und mehr offenbar wurde, dass ich unter immer stärkerer Beobachtung stand (Aktenvermerk). Das wollte ich weder hinnehmen noch den Untersuchungsorganen die Hoheit über den Prozess zubilligen.

So provozierte ich durch belastbare Aussagen zu Defiziten im Grenzregime in Berlin-Mitte oder durch Optionen verschiedener Formen des illegalen Verlassens der DDR in Richtung Westen.

Ohne jede Tatabsicht, aber in der Erwartung, damit die Verantwortlichen der Untersuchungen um mich herum ein wenig mehr als notwendig zu provozieren. Gleichzeitig machte ich unnötige Späße.

Als ich beispielsweise von einem diensthabenden Offizier gefragt wurde, wer die Frau auf einem Foto sei, die ich als Lesezeichen nutze, entgegnete ich, dass es eine Freundin wäre, die im Westen lebe. Es war ein Foto der 16-jährigen Cindy Crawford. Die ahnungslose Reaktion auf die Meldung des Offiziers spricht für sich (mündlicher Bericht).

Der zweite Eskalationsstrang war die Untersuchung der Stasi. Die dortigen Offiziere schienen wiederum mehr und mehr motiviert, die angeblich große Gefahr durch mich – nach ihrer Einschätzung ein durchsetzungsstarker, linksradikaler, gewaltbereiter, intelligenter Unteroffizier im Diensthabenden System der Luftstreitkräfte im Warschauer Pakt vor einem bewaffneten Grenzdurchbruch (Durchsuchungsantrag) in den Westen abbringen zu wollen und wenn dies nicht gelingt, die notwendigen Sicherungsmaßnahmen durch Festnahme zu gewährleisten.

Dabei setzte ein Kreislauf aus immer engerer Überwachung und immer absurderer Provokation durch mich ein, sodass die Leitung der Stasi von Militärebene bis auf Ministeriumsebene eingebunden wurde. Infolge wurden auf höchster Leitungsebene Einsatzbefehle gegen mich unterzeichnet.

Das wiederum führte zu noch absurderen Situationen: So beispielsweise zu permanenter Kontrolle meiner Aufenthalte in Berlin, bei denen einmal 23 Stasi-Mitarbeiter zu meiner Überwachung abgestellt wurden (Beobachtungsplan und Auswertungsbericht). Die Ergebnisse dieser Überwachung (Beobachtungsbericht) haben mich 30 Jahre später lächeln lassen, der betriebene Aufwand ließ mich den Kopf schütteln. Lächeln lassen haben mich auch die durch die Stasiunterlagenbehörde archivierten Ergebnisse aus der illegalen Durchsuchung meiner Wohnung (Durchsuchungsbericht), denn die Stasi hatte eifrig die in meiner Wohnung liegenden Dokumente meines damaligen Lebens abfotografiert.

Im Ergebnis all dieser mehrmonatigen Überwachungs- und Bewertungsmaßnahmen wurde mehr und mehr klar, dass es meinerseits keine manifestierte Fluchtabsicht gab und gerichtsfeste Beweise zwar durch IMs in Kooperation mit den Führungsoffizieren produziert wurden, diese jedoch kaum einer sachlichen Überprüfung standhalten würden. Gleichzeitig hatten sich die Stasi-Strukturen an mir mit durchaus größerem Aufwand innerhalb der militärischen Strukturen und auch mit Kapazitäten aus dem Staatssicherheitsministerium in Berlin verausgabt. Ein Abbruch der Bearbeitung meines Falls konnte nachvollziehbarerweise Konsequenzen für die ein oder andere Karriereplanung haben, weswegen der Vorgang nicht abgebrochen, sondern von den Genossen ab diesem Erkenntnispunkt kreativ gestaltet wurde (Aktenvermerk).

Daraufhin wurde ich festgenommen und für drei Tage in ein konspiratives Objekt der Stasi überführt.

Es gab seitens der Stasi den Plan, dort entweder meine Fluchtabsichten durch ein Geständnis gerichtsfest zu machen und nachfolgend ein Gerichtsverfahren zu eröffnen, um eine Verurteilung nach Paragraf 254 insbesondere Absatz 2 zu erwirken oder – die von den Stasi-Offizieren präferierte Option – auf mich Einfluss zu nehmen, dass ich einerseits von Fluchtabsichten Abstand nehme, mich zukünftig angepasster verhalte und mit den Sicherheitsorganen der DDR im Bedarfsfall kooperiere.

Das mildere Drohszenario war eine Disziplinarstrafe mit 6 Monaten in der militärischen Strafanstalt Schwedt.

Die Situation während der Verhaftung war insofern unkalkulierbar, weil die drei Stasi-Offiziere keinerlei Zweifel an ihrer Entschlossenheit aufkommen lassen wollten und ich keine der heute verfügbaren Informationen zur Verfügung hatte. Alles, was in diesem Moment auf meiner Seite verfügbar war, waren Erinnerungen.

Auf der anderen Seite des Tisches gab es zwei Aktenordner, die mit mir schrittweise im Sinne einer Beweisaufnahme durchgegangen wurden. In den ersten Stunden versuchte ich zu erklären, zu relativieren und abzustreiten. In den weiteren Stunden und am darauffolgenden Tag wurde die Vergeblichkeit dieses taktischen Verhaltens immer klarer, da die Gegenseite mit einer Vielzahl von Aussagen und auch recht intimen Details operierte. Um unmissverständlich klarzumachen, dass es einen erheblichen Wissensvorsprung auf deren Seite gab.

Nach meiner Erinnerung in der Nacht vom zweiten zum dritten Tag habe ich aufgegeben und die Optionen für mich wurden auf den Tisch gelegt. Wie in jeder Erpressungs- oder Nötigungssituation wusste ich, dass Ausweichen und Zeit von der Uhr nehmen die einzigen sinnvollen Optionen für den Moment sind.

Daher habe ich zugesagt, keine weiteren Provokationen, keine Eskalation zu befeuern. Die höchstmögliche Arreststrafe unterhalb einer Überstellung nach Schwedt zu akzeptieren und bei Kenntnis von illegalen Handlungen mit den Sicherheitsorganen zu kooperieren. In dieser Nacht habe ich final mit der DDR abgeschlossen und wusste, dass ich die erst- und bestmögliche Chance nutzen sollte, zu gehen. Aber bis dahin galt es, jeder weiteren Konfrontation auszuweichen.

Am nächsten Tag wurde ich belehrt, durfte Gesetzestexte abschreiben (damit ich es auch wirklich verstanden hatte) und es wurde mitgeteilt, wie ich mich bei Fragen zum Vorgang und zum weiteren Vorgehen zu verhalten hätte. Gleichzeitig wurde mir mitgeteilt, dass ich verschärft beobachtet würde, und bei kleinster Abweichung schwere Konsequenzen drohen. All das wurde verschriftlicht.

Damit war der Wettbewerb auf Null gesetzt und alles begann wieder von vorn.

Die nächsten vier Monate waren ein regelrechter Eiertanz. Denn die Stasi wollte mit mir eine „Arbeits- und Vertrauensbeziehung“ aufbauen und gleichzeitig stand jede soziale Interaktion unter dem Verdacht, überprüft zu sein. Selbst im Armee-Knast, in den ich nach den 3 Tagen Festnahme kurze Zeit später eingeliefert wurde, entstanden Berichte zu mir.

Im fünften Monat wurden die Kollegen ungeduldig, da ich mich regelmäßig entzog und die Ausbeute mager war. Bis auf die erkennbar gestalteten Überprüfungssituationen war ich weder ergiebig noch kooperativ. Im Nachhinein ist auch wieder eher schmunzelnd zu sehen, wie schwierig es für die Stasi-Offiziere war, meine nicht vorhandene Kooperation in ihren Berichten positiv zu umschreiben.

Dann kam es zur eigentlichen Eskalation, da mir recht unmissverständlich klar gemacht wurde, dass, wenn sich mein Agieren nicht grundlegend ändere, sie ihre Zusagen zurückziehen müssten. Sie hätten schließlich eine Berichtslinie und könnten nicht akzeptieren, dass ich mich nicht an meinen Teil der Vereinbarung halten würde. Es war höflich, aber in der Sache klar vorgetragen.

Mittlerweile waren aber einige Monate vergangen und ich hatte zwar kein gutes, aber ein stabiles Gefühl für die Situation entwickelt. Zudem hatte ich alle mir wichtigen Personen in geeigneter Form von dem Problem berichtet und war mir sicher, dass durch mich keine weitere Kontamination entstehen könnte. Daraufhin unterschrieb ich eine IM-Erklärung.

In den drei darauffolgenden Monaten wurde ich zu mehreren Situationen befragt. Drei Situationen waren für die Betroffenen erkennbar gefährlich. Die Befassung mit diesen Situationen stellte für mich die rote Linie dar. Daher bin ich nach Zögern und reiflicher Überlegung jeweils auf die Zielpersonen zugegangen, habe die Problemlage mit der Bitte um strikte Vertraulichkeit erläutert und um Abstimmung gebeten.

Zwei dieser Abstimmungen hatten damals funktioniert und sind heute bestätigt. Bei der dritten sind Person und Vorgang nicht auffindbar.

In diesen drei Monaten als IM gab es drei grundsätzliche Typen von Auskünften meinerseits:

# Egal-Auskünfte

# Auskünfte, die Bekanntes und Offensichtliches transportierten

# Auskünfte, die gefährlich, aber abgestimmt waren

Nach drei Monaten empfand ich die Situation als final inakzeptabel und habe im August dem Führungsoffizier mitgeteilt, dass ich nicht mehr zur Verfügung stehe, selbst wenn ich die Konsequenzen zu tragen habe. Daraufhin passiert bis Februar 1989 nichts.

Im Februar 1989 wurde ich erneut zugeführt und mir bis dahin nicht bekannte Stasi-Offiziere forderten mich auf, aktiv zu werden. Das habe ich erneut verweigert.

Danach habe ich nichts mehr von ihnen gehört. In den Akten ist vermerkt, dass der Fall aufgrund meiner Verweigerung geschlossen und für 20 Jahre archiviert wird (Beschluss).

Eine letzte Zuckung scheint es im Herbst 1989 gegeben zu haben. Wie ich den Akten entnehmen konnte, war ich erneut aufgefallen. An der Hochschule wurde im letzten Eintrag meiner Stasi-Akte notiert: „Macht politische Schwierigkeiten“.

 

Die Reaktionen 2019 – mehr als 30 Jahre später. Wie nehmen Sie das wahr?

Nun ja, … gratismutige Aufklärer, Historiker und Opportunisten insbesondere in den Redaktionen haben daraus zwar kein üppiges, aber ein erträgliches Geschäftsmodell entwickelt. Parallel zur richtigen und notwendigen Aufarbeitung staatlichen Unrechts in der DDR war ich wohl der letzte Fall, an dem man noch dachte, Honig saugen zu können.

Obwohl die Vorgänge um mich mit der Stasi bekannt waren, wurde seitens der Titel des Axel Springer Verlages so getan, als hätte man etwas Großes herausgefunden. Das war Unsinn. Zumal ich die Anfragen der WELT zeitnah und vollständig nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet habe. Dies sogar öffentlich.

Ich hatte aus meinen Stasi-Geschichten nie im familiären, im persönlichen und auch, wo notwendig, an der Hochschule oder im professionellen Umfeld, ein Hehl gemacht. Da viele Menschen in der Geschichte auftauchen, die damals und auch heute noch geachtete Personen der Gesellschaft sind, ist es selbstverständlich, damit weiterhin geeignet umzugehen. Das bedeutet nicht öffentlich zu agieren und Persönlichkeitsrechte zu beachten.

Die mediale Aufbereitung des Stasi-Falls Holger Friedrich in 2019 ist daher eine grobe Überzeichnung und trägt stark manipulierenden Charakter. Sie trägt sogar Tourette-Züge. Bei einigen Titeln bis heute.

Aus westdeutscher Perspektive ist es partiell nachvollziehbar, weil in Westdeutschland noch heute ein Bild handlungsleitend ist, dass die DDR und Nazideutschland gleichzusetzen wären. Das ist zwar grober Unfug, da die DDR nie einen Krieg begann, keine anderen Völker versuchte zu unterwerfen und auch keinen Holocaust zu verantworten hat. Zudem war sie Teil der sowjetischen Einflusssphäre und nicht frei in ihrem innen- und außenpolitischen Handeln. Doch ähnlich den inkorrekten Bildern über den Osten Europas sind diese Inkorrektheiten in der deutschen Politik und in den Medien handlungsleitend. Nützlich ist es nicht. Aber sie wissen es halt nicht besser und halten sich an diesen Bildern in neuen, unsicheren Zeiten fest.

Interessanter wahrzunehmen waren drei Muster:

Das erste Muster war die eindeutige, linientreue Verurteilung und dies auf unvollständigen oder gar auf vermeintlich gesicherten Grundlagen aus Einschätzungen von Historikern wie Hubertus Knabe oder Ilka Sascha Kowalczuk. Es waren drei Verlagshäuser und ein öffentlich-rechtlicher Sender, die sich besonders unqualifiziert, diskreditierend und diffamierend positionierten: Die Titel des Axel Springer Verlags, die Titel der Funke Mediengruppe und die NZZ sowie das ZDF.

Das zweite Muster war in den sogenannten Qualitätsmedien identifizierbar. Vorgeschobenes Verständnis, der Versuch der Differenzierung und im entscheidenden Moment feige mit den nicht den Erwartungen entsprechenden Fakten umzugehen, da sie nicht dem Erwartungsraum des westdeutschen Publikums zu entsprechen schienen.

Hierzu gehören die FAZ, die ZEIT und auch der Spiegel. Der Spiegel spielt eine Sonderrolle. Bei der ZEIT (Jana Hensel und Kollegen) und der FAZ (Harald Staun und Kollegen) lagen alle Informationen vor, ebenso der Zugang zu vermeintlichen Opfern aus den Akten. Sie waren nicht in der Lage, die Situation ergebnisoffen und objektiv darzustellen.

Darauf später angesprochen, wich ein Harald Staun mit flattrig gesenktem Blick einem Gespräch aus, eine Jana Hensel erklärte, dass „sie die Erwartungen eines Hamburger Wochenblattes zu erfüllen habe. Es tue ihr persönlich leid, aber sie müsse auch ihren Sohn ernähren“, womit vieles gesagt, noch viel mehr erklärt ist. So gegenüber einer mir nahe stehenden Person, die Frau Hensel auf die Widersprüche ihres Handels ansprach. Wieder ist es verständlich und muss auch gar nicht weiter vertieft werden.

Nur ist jeder moralisch wertende Oberton aus diesen Verlagshäusern mit einer Toleranz zu versehen. Der Phänotyp eines Opportunisten bleibt weiterhin unabhängig von Zeit, Gesellschaftsform und Geschlecht identifizierbar.

Positive Ausnahme ist der Spiegel, der offenbare Kontroversen in der Redaktion zuließ, sodass Berichte nach Muster 1 erschienen und gleichzeitig ist der objektivste Bericht aus diesem Haus erschienen, was für diese Zeit einen gewissen Mut des Autors Alexander Osang bedeutete, sich gegen die Erwartung der Mehrzahl seiner Kollegen innerhalb des Spiegels zu stellen.

Das dritte Muster sind Reaktionen ostdeutsch sozialisierter Menschen in verantwortlichen Personen bei Medien. Am Tag der Anfragen der Springer-Titel hatten gleichzeitig Kollegen der Berliner Zeitung Zugang zu Personen aus der Akte erhalten, die meine Angaben bestätigten. Statt die Gelegenheit zu nutzen, aus ostdeutscher Sicht erstmals unabhängig und exklusiv zu berichten, wurde aus mir nicht verständlichen Gründen eine journalistische Reaktion aus der Redaktion der Berliner Zeitung verneint. Stattdessen wurden ohne meine Zustimmung Externe engagiert, die die Situation bewerten sollten.

Dass damit ein massiver Interessenkonflikt vorlag, da unter anderem eine der angefragten Externen Mariane Birthler, gleichzeitig Mitglied des Stiftungsrates der Springer-Stiftung war, wurde ignoriert.

Dieser Prozess wurde unter anderem von Sabine Rennefanz und Kollegen verantwortet. Es wurde klar, dass Anspruch und das tatsächliche Handeln sehr weit auseinanderfielen. Bis heute und in jedem Auftritt in den Talkshows beim ÖRR muss ich leise schmunzeln. Die Geschichte entwickelt sich weiter. Die Interessenkonflikte sind weiterhin evident. Es werden die Geschichten erzählt, die im Westen erwartet werden. Zu Lasten der eigenen Sozialisation aus dem Osten. Für diese Situationen, für diese Charaktere gibt es treffende, beschreibende Begriffe. Keine davon transportiert Respekt.

Daher, zusammenfassend: Die ganze Geschichte ist ein einziger großer Unfall und nun gilt es Stück für Stück aufzuräumen. Aus dem Wohnungsbaukombinat der DDR wurde die Stasiunterlagenbehörde, die heute an einen internationalen Immobilienentwickler verkauft ist und leer steht.

Das gefürchtete Epizentrum der damaligen Stasi-Jäger ist mittlerweile ein leeres Bürogebäude. Geblieben mit der Leere sind Baumarktleuchten und Raufasertapete im ehemaligen Bereich des Bundesbeauftragten. Dessen Büro wirkt so ungemein banal, dass man leise lächelt und ein Erinnerungsfoto macht. Die vermeintlichen Opfer aus meiner Akte rufen immer noch an und gratulieren zum Geburtstag.

Vielleicht wäre es klüger gewesen, nach dem Mauerfall das Wohnungsbaukombinat zu privatisieren und mit der Abwicklung der Repressionsorgane wie in allen anderen Ländern im Ostblock oder in Südafrika vorzugehen. Wir hätten heute mehr Wohnungen in Berlin, weniger traurige Historiker und Journalisten, die mit Zorn auf die Vergeblichkeit ihres Tuns schauen. Und wir hätten einen fröhlicheren Finanzminister. Denn der klügere Teil Ostdeutschlands hat sich der Hexenjagd entzogen. Sie machten Karriere meistens im Ausland und zahlen dort Steuern. Die Wut dieser „Osterklärer“ auf sich und ihre Wut auf die Entwicklungen in Ostdeutschland wäre für zukünftige Generationen eine Studie wert. Als Rollenmodell können sie funktionieren, wenn man traurig und auch ein wenig böse durch sein Leben gehen möchte. Und wenn man ein Land und seine Bewohner nachhaltig beschädigen möchte.

 

Wie beurteilen Sie heute Ihre dreimonatige Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit – persönlich, politisch und moralisch?

Die Antwort ist zweigeteilt. Einerseits würde ich wieder so handeln, denn ich habe es geschafft, ohne in die Militärstrafanstalt Schwedt und ohne im Gefängnis zu landen, auch nicht in den Westen verkauft zu werden, die Stasi abgeschüttelt zu haben. Und dies weitgehend ohne andere Menschen in Gefahr gebracht zu haben. Auch mit 35 Jahren Abstand fällt mir nicht ein, wie ich ohne gröbere Eskalationen diese Lösung hätte optimieren können.

Letztlich gab es einen recht massiven Vorwurf und einen Einsatzbefehl gegen mich und eine von mir ausgesprochene „Kündigung“, die interessanterweise ohne weitere direkte Befassung von der Stasi erst mehrere Monate von August 1988 bis Februar 1989 akzeptiert und nachfolgend mit meiner „Ablehnung der Zusammenarbeit“ dokumentiert wurde (Abschlussbericht).

Andererseits hätte vermutlich mit dem heutigen Wissen nach Studium der Akten die realistische Chance bestanden, sich ohne Verpflichtung zum IM der Situation entziehen zu können. Aber das weiß ich heute, damals waren mir diese Informationen nicht zugänglich und die Abwägung im Sinne des „geringst milden Mittels“ war die Deeskalation, die Öffnung von Zeitfenstern und das konsequente Ausweichen sowie die vorsichtige Dekonspiration einer vollständigen Verweigerung und Eskalation vorzuziehen.

Insgesamt ist es ein trauriges, schwer zu bedauerndes Kapitel, da aufgrund des repressiven Vorgehens der Sicherheitsorgane viel Zwischenmenschliches entweder kontaminiert oder zerstört wurde. Die Verantwortung trifft Vertreter der Sicherheitsorgane, die mit ihnen zusammen Agierenden und natürlich auch mich. Da gibt es nichts schönzureden und ich bedauere es.

 

Warum haben Sie Ihre IM-Tätigkeit vor dem Kauf des Berliner Verlags 2019 nicht öffentlich gemacht? Würden Sie heute wieder so entscheiden?

Antwort Holger Friedrich: Ja, und weil ich einerseits ehrlicherweise nie davon ausgegangen bin, dass a) 30 Jahre nach dem Mauerfall das überhaupt noch eine wesentliche Rolle spielen würde und wenn, es ja letztlich eine recht lustige Geschichte im Versuch der Repression des Staates gegen ein Individuum war und der Staat dann doch furios scheiterte. Denn wer hat schon eine so eindringliche Aufforderung, bei einer repressiven Organisation wie der Stasi mitzumachen und wird dann so genervt wegen mangelnder Subordination von dieser allmächtigen Organisation bei eigenem Widerspruch fallengelassen. Gleichzeitig ist die Geschichte nie verheimlicht worden. Sie war im familiären und professionellen Umfeld, wo notwendig, bekannt.

Dass b) derart reflektorisch und undifferenziert in den westdeutsch normierten Medien agiert würde, hat mich ehrlich gesagt am meisten überrascht. Aber auch, wie viele Menschen diesen Unsinn bis heute glauben und dieser Unsinn für sie handlungsleitend ist. Daher würde ich auch heute dringend empfehlen, diesen Unsachlichkeiten keinen unnötigen Vorschub durch Selbstanzeige zu leisten.

Gleichzeitig hatte es etwas Gutes. Denn so wurde schnell klar, mit wie wenig Sachverstand und mit wie wenig Respekt damals und weiterhin über ostdeutsche Lebenswirklichkeiten berichtet und geurteilt wird.

Im Ergebnis hat es stark dazu beigetragen, die Ostdeutsche Medienholding mit ihren Titeln Berliner Kurier, Berliner Zeitung, Ostdeutsche Allgemeine und der Weltbühne zu etablieren.

Ab und an wird die Stasi-Geschichte noch von Bots benutzt, die von interessierten Stellen programmiert wurden. Dadurch zeigt sich, dass nicht nur andere Seiten Propaganda betreiben. Der Einsatz der Bots ist ein guter Gradmesser unserer eigenen politischen Debattenkultur. So zeigt sich regelmäßig viel Raum für Verbesserungen.

Was vielleicht auch erklärt, warum der ostdeutsche Pfarrer, ehemalige Stasi-Beauftragte und Bundespräsident Gauck äußerte, dass es die Ostdeutsche Allgemeine nicht benötige. Dann eben doch, wenn derart unreflektiert, undifferenziert und diskreditierend über ostdeutsche Lebenswirklichkeiten selbst mehr als 35 Jahre nach der Wende geurteilt und berichtet wird. Selbst von Ostdeutschen wie ihm, die überangepasst versuchen, über diese Lebensgeschichten in einen westdeutschen Erwartungsraum ihren eigenen, persönlichen Vorteil zu sichern.

Daher war die mediale Reaktion zudem auch ein deutlicher Hinweis auf die Überangepasstheit einiger Journalisten mit ostdeutschen Biografien in westdeutschen Redaktionen und hat nochmal mehr gezeigt, dass Opportunismus ein eine Gesellschaftsform überdauerndes deutsch-deutsches Handlungsmuster ist.

 

Welche öffentlichen Aussagen über Ihre damalige IM-Tätigkeit halten Sie angesichts des Birthler-Kowalczuk-Berichts für sachlich falsch, unvollständig oder irreführend?

Antwort Holger Friedrich: Ich wurde von meinem 16. Lebensjahr beginnend bis zum Mauerfall in meinem 23. Lebensjahr in den Akten der Staatssicherheit geführt (Opferakte – einige hundert Seiten). Während meines Armee-Dienstes kam es 1987-88 zu einer Eskalation, die mich für drei Monate im Sommer 88 zum IM machte (Täterakte ca. 90 Seiten). Nur Teile dieser Täterakte wurden durch die WELT unter Verstoß der gesetzlichen Regelungen, dass Stasi-Themen unter Haft und im Wehrdienst nicht veröffentlicht werden dürfen, veröffentlicht. Diese Veröffentlichungen wurden von weiteren Medien aufgegriffen. Kein Medium thematisierte die Missachtung gesetzlicher Vorschriften, ebenso wenig der deutsche Presserat. Eine Reihe von Medien und deren Vertreter beantragte danach Akteneinsicht (Übersicht und Begründungen).

In diese IM-Tätigkeit wurde ich genötigt, gleichzeitig habe ich aktiv für meine Deskonspiration gesorgt. In den unkritischen Situationen habe ich vermieden, Schaden anzurichten, in den drei kritischen Situationen habe ich mich mit den Observierungsobjekten abgestimmt. Das wurde mehrfach gegenüber FAZ, ZEIT, der New York Times und dem Spiegel von Personen aus meinen Akten bestätigt. Die WELT hatte keinen Zugang zu Personen aus meinen Akten, da die einseitige, diskreditierende Berichterstattung sie für eine weitere Befassung disqualifizierte.

Weitergehende Interpretationen in der NZZ, in der Morgenpost, in der ZEIT und auch in der FAZ waren größtenteils grober Unsinn, der sich weniger um ehrliche Aufklärung über Mechanismen autoritärer Systeme motivierte. Vielmehr schien es eher ein Wettlauf um die Bewirtschaftung einer medial zwar interessanten, aber letztlich dem Thema nicht angemessenen Skandalisierung zu gehen, die teilweise bis heute anhält.

Der einzig objektive Bericht wurde im Spiegel im Jahr 2020 publiziert. Der Autor Alexander Osang hatte Zugang zu allen Akten und Personen in den Akten.

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