100 Tage OAZ: Was wir aus der Berichterstattung über uns gelernt haben
18.05.2026 - Update
Als wir die OAZ angekündigt haben, wollten wir vor allem eines: eine Zeitung machen. Eine Zeitung mit ostdeutscher Perspektive. Eine Zeitung, die nicht moralisieren, sondern berichten will. Eine Zeitung, die unterschiedliche Positionen sichtbar macht, statt sie auszusortieren. Und die sich emanzipiert gegenüber den westdeutsch normierten Medien positioniert.
Was folgte, war für uns nicht nur eine Medienbeobachtung, sondern auch ein Erkenntnisprozess über den Zustand der deutschen Öffentlichkeit und des Medienbetriebs. Nach rund 100 Tagen OAZ haben wir deshalb die bisherige Berichterstattung über unser Projekt ausgewertet und haben diese hier zusammengeführt: Link
Die Reaktionen auf die OAZ erzählen erstaunlich viel darüber, wie in Deutschland Medien mit Medien, Meinungsvielfalt, Ostdeutschland und demokratischen Dissens umgehen.
Nachfolgend finden Sie einige Erkenntnisse, die uns dabei aufgefallen sind:
(1) Uns ist aufgefallen, dass „gut“, „schlecht“, „richtig“ oder „falsch“ in den meisten Kritiken an einem westdeutschen Maßstab gemessen werden. Wer davon abweicht und einen ostdeutschen Maßstab setzt, wird schnell als spalterisch eingeordnet – das Abweichen von der medialen Mehrheitsmeinung gilt als problematisch.
(2) Eine Zeitung zu machen, die sich keiner Ideologie verschreibt, sich von vornherein gegen Moralisierung ausspricht und allen Perspektiven Raum geben möchte – auch jenen, die man nicht teilt oder gutheißt, die man aber kennen sollte, weil sie den Zeitgeist prägen und man wissen sollte, warum man gegen etwas ist –, wurde als verdächtig bewertet. Es scheint, als sei man gar nicht mehr gewohnt, dass eine Zeitung einfach nur berichten will.
(3) Die OAZ zieht eine einzige Brandmauer – die zwischen demokratischen Kräften und Extremisten. In einer Medienrealität, in der alles rechts von links sofort „rechtsoffen“ und damit schnell „rechtsextrem“ genannt wird, kommt diese Unterscheidung nicht gut an. Das zeigt entweder den Bias der Medienblase, die vergisst, dass alle Positionen innerhalb des demokratischen Raumes legitim und wichtig sind, um eine widerstandsfähige Gesellschaft zu schaffen, in der man um die besten Argumente streitet. Oder es zeigt, dass manche Kritiker die OAZ vorsätzlich deligitimieren wollen, um einen diskursiv gegebenenfalls notwendigen Nährboden zu vergiften.
(4) Besonders interessant: Viele Kritiker wussten vor der Lektüre der Erstausgabe, wie sie die OAZ einordnen. Sie hatten ihre Urteile gefällt, bevor sie den Inhalt gesehen hatten.
(5) Ein Großteil der sogenannten Berichterstattung über die OAZ war keine Analyse des Produkts, sondern eine Abarbeitung an Verleger Holger Friedrich.
(6) Gleiches gilt für andere Personalien: Anhand der Biografien einzelner Mitarbeiter wurde von manchen Kritikern schon vorab die inhaltliche Qualität künftiger Ausgaben mit Gewissheit beurteilt.
(7) Viele „Experten“, die insbesondere bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zu Wort kamen, verbreiteten Hass und Hetze; sehr wenige Fachleute oder Wissenschaftler äußerten sich wiederum oftmals überraschend positiv und sachlich über das Projekt.
(8) Das größte Problem scheint für manche die Schriftart und die Himmelsrichtung im Namen zu sein. Was bei der FAZ oder der NZZ, auch beim Hanauer Anzeiger selbstverständlich ist, wird bei der OAZ als Beweis einer identitären Bewegung gewertet.
(9) Ob es ostdeutsche Perspektiven im gesamtdeutschen Diskurs braucht, wurde peinlich selten thematisiert; oft wurde das Anliegen pauschal als Selbstviktimisierung dargestellt.
(10) Einige westdeutsche Leitmedien lieferten das Fazit: „Wir haben die OAZ für Sie eingeordnet, hier hinter unserer Paywall können Sie lesen, was wir darüber denken.“ Statt die Menschen zu ermutigen, sich selbst ein Bild zu machen, wird vorgefiltert.
(11) Die fairste Berichterstattung kam unseres Erachtens von denen, die keine unmittelbaren Wettbewerber sind – ein Hinweis darauf, dass andere Kritiken wenig objektiv sein dürften.
(12) Die beste Berichterstattung kam von denen, die jemanden von der OAZ zu Wort kommen ließen, ohne die Antworten vorher „einzuordnen“.
(13) Insgesamt ist auffällig: Jedes Medium hat seine eigene Agenda. Überall dort, wo die OAZ diese Agenda hinterfragt, wird sie angegriffen – das wirkt eher taktisch als inhaltlich begründet.
(14) Die schlechtesten Kritiken stammen von denen, die bislang die Deutungshoheit über ostdeutsche Narrative verwertet hatten oder davon leben, den Osten schlecht zu schreiben. Beide Gruppen fürchten um ihre Pfründe.
(15) Einige Kritiken bezogen sich tatsächlich auf die ersten Inhalte: Das Porträt des AfD‑Politikers Tino Chrupalla und der Slogan „Vorsicht, Freiheit“ werden zum Beispiel als Beleg für eine problematische Schwerpunktsetzung genannt. Einen gewählten Bundespolitiker als Menschen zu zeigen, auch wenn man seine politische Gesinnung vielleicht nicht teilt ist tatsächlich ungewohnt. Aber „Freiheit“ als problematische Headline einzuordnen ist mindestens genauso überraschend.
(16) Die Regionalzeitungen räumen der OAZ offenbar die größten Chancen ein. Während sie gegenüber anderen überregionalen Medien wie Zeit, Spiegel oder FAZ vollkommen unbesorgt wirken, scheinen sie eine überregionale Zeitung aus Ostdeutschland doch so ernst zu nehmen, dass sie in eine Art Selbstverteidigungsmodus gehen und plötzlich eigene Ostdeutschland-Seiten gründen. Das hat uns eher bestärkt.
Nach 100 Tagen bleibt für uns deshalb vor allem eine Erkenntnis: Die Debatte um die OAZ ist längst größer als die OAZ selbst.
Unseren Pressespiegel mit den wichtigsten Beiträgen über die OAZ finden Sie hier.
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