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Was kann man vom Osten lernen? Holger Friedrich im NZZ-Podcast „Machtspiel“

21.08.2026 - Update

Knapp 50 Minuten lang hat NZZ-Journalist Florian Eder mit Holger Friedrich gesprochen – über Ostdeutschland, Medien, Politik, Bildung, Russland und die Frage, was Freiheit für ihn bedeutet.

Ausgangspunkt des Gesprächs im Politikpodcast „Machtspiel“ sind die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung und die Frage, warum es 36 Jahre nach der Wiedervereinigung überhaupt noch ein ausdrücklich ostdeutsches Medium braucht. Daraus entwickelt sich ein grundsätzliches Gespräch über die politische und mediale Kultur Deutschlands, über Friedrichs Erfahrungen als Unternehmer und Verleger und darüber, was sich aus ostdeutschen Erfahrungen für die Gegenwart lernen lässt.

Wer das vollständige Gespräch hören möchte, findet es bei der NZZ unter dem Titel „Was kann man vom Osten lernen? Holger Friedrich“.

Für alle anderen dokumentieren wir hier die wesentlichen Positionen und Aussagen Holger Friedrichs aus dem Gespräch – thematisch geordnet und zusammengefasst.

Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung

Friedrich bezeichnet die ersten sechs Monate der OAZ als erfolgreich. Die Zeitung habe sich als Medienprodukt etabliert, das sich unabhängig von westdeutsch geprägten normativen Erwartungen behaupte. Die Zahl der zahlenden Leser wachse.

Den publizistischen Unterschied zu anderen Medien sieht Friedrich vor allem in der Perspektive. Er wünsche sich einen weniger ideologisch geprägten Blick auf die Welt, der nicht ausschließlich aus einer westlichen Perspektive argumentiere. Gerade der Blick darauf, wie andere Teile der Welt Deutschland und Europa wahrnehmen, könne Erkenntnisse ermöglichen, die in deutschen Medien aus seiner Sicht zu selten vorkämen.

Sein Verständnis von Journalismus

Für Friedrich besteht die Aufgabe von Medien nicht primär in Wertung, Einordnung oder der Vermittlung eines politischen Dogmas. Medien sollten aufklären, erläutern und Informationen bereitstellen.

Das Ziel sei ein Angebot für neugierige und aufgeklärte Leser, das ihnen dabei helfe, eine eigene Meinung und eigene Entscheidungen zu entwickeln. Eine darüber hinausgehende gesellschaftliche oder politische Wirkung könne daraus entstehen, sei aber nicht der Ausgangspunkt.

Gleichzeitig sieht Friedrich auch bei den eigenen Medien die Gefahr, durch die wiederholte Behandlung bestimmter Themen selbst ein verzerrtes Bild zu erzeugen. Diese Gefahr sei „massiv“ und werde intern diskutiert. Journalismus müsse deshalb nicht nur Probleme beschreiben, sondern Möglichkeiten sichtbar machen und aus vergangenen Entwicklungen sowohl positive als auch negative Lehren ziehen.

Kritik an der deutschen Medienlandschaft

Friedrich wirft Teilen der etablierten deutschen Medien eine zu starke Orientierung an den eigenen Milieus und Deutungsmustern vor. Er spricht von mangelnder Reflexionsfähigkeit, gegenseitiger Bestätigung innerhalb professioneller „Blasen“ und einer geringen Bereitschaft, grundlegende Kritik anzunehmen.

Besonders bei der Darstellung Ostdeutschlands sieht er wiederkehrende historische Muster. Die Geschichte des Ostens werde nach seiner Wahrnehmung häufig auf DDR, Mauer, Staatssicherheit und Stacheldraht reduziert. Friedrich plädiert dafür, stärker danach zu fragen, welche positiven und negativen Erfahrungen sich aus der Geschichte für die Zukunft ableiten lassen.

Bei ostdeutschen Regionalmedien sieht er zudem einen strukturellen Konflikt: Redaktion und Leser befänden sich vor Ort, Kapitalstrukturen und strategische Entscheidungen vieler Medienhäuser lägen dagegen im Westen. Friedrich beschreibt daraus entstehende Anpassungsprozesse als eine mögliche Ursache dafür, dass veröffentlichte Wahrnehmung und erlebte Realität auseinanderfallen.

Ostdeutsche Identität und Selbstbewusstsein

Friedrich vertritt die These, dass eine eigenständige ostdeutsche Identität nicht verschwunden sei, sondern in den vergangenen Jahren teilweise sogar neu entstanden sei.

Als wesentlichen Grund nennt er einen aus seiner Sicht westdeutschen „Hochmut“ gegenüber Ostdeutschland. Viele Ostdeutsche hätten erlebt, dass eigene Erfahrungen, Wahrnehmungen und Lösungsvorschläge nicht ernst genommen würden.

Dabei gehe es ihm nicht um Abgrenzung vom Westen. Friedrich verweist vielmehr auf spezifische Erfahrungen Ostdeutscher: sowjetische Besatzung, DDR, friedliche Revolution, Transformation und die gesellschaftlichen Umbrüche nach 1990. Daraus könne ein neues Selbstbewusstsein entstehen: „Wir können was zur Party beitragen und die Party würde besser werden, wenn ihr uns mal zuhört.“

Ähnliche Mechanismen der Ausgrenzung sieht Friedrich auch bei Menschen mit Migrationsgeschichte. Deutschland verschenke Potenzial, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder gesellschaftlichen Zuordnung nicht als gleichberechtigte Teilnehmer des öffentlichen Diskurses behandelt würden.

Politische Kultur und Interessenausgleich

Friedrich kritisiert eine politische Kultur, in der gesellschaftliche Gruppen seiner Ansicht nach gegeneinander ausgespielt würden – etwa Ost gegen West, Migranten gegen Menschen ohne Migrationsgeschichte oder Arm gegen Reich.

Als Gegenmodell nennt er die Schweiz. Dort würden politische Konflikte ebenfalls hart ausgetragen. Entscheidend sei für ihn jedoch, dass anschließend ein Interessenausgleich gesucht werde, der auch die unterlegene Minderheit berücksichtige.

Ein solches gemeinsames Zielbild vermisst Friedrich in Deutschland. Politik müsse stärker danach fragen, wie unterschiedliche Interessen unter den Bedingungen begrenzter Ressourcen fair miteinander ausgeglichen werden könnten.

AfD, Brandmauer und politischer Dialog

Friedrich spricht sich dafür aus, mit jeder politischen Partei öffentlich zu diskutieren, solange sie nicht verboten sei und nicht mit Gewalt argumentiere.

Eine pauschale gesellschaftliche Ausgrenzung von AfD-Mitgliedern und -Wählern hält er für falsch. Die sogenannte Brandmauer existiere nach seiner Wahrnehmung in vielen ostdeutschen Regionen im gesellschaftlichen Alltag ohnehin nicht: Menschen unterschiedlicher politischer Überzeugungen lebten und redeten miteinander.

Friedrich sagt zugleich nicht, dass er die politischen Positionen der AfD teile. Sein Punkt ist ein anderer: In einem demokratischen System müsse die Auseinandersetzung mit einer legalen Partei grundsätzlich möglich sein. Dass solche Gespräche bereits als problematisch gelten könnten, sage aus seiner Sicht mehr über das deutsche Politik- und Medienverständnis aus als über die Partei selbst.

Als persönliche Grenze des Dialogs nennt Friedrich Gewalt.

Deutschland, Wirtschaft und Handlungsfähigkeit

Friedrich äußert grundlegende Zweifel daran, ob die politischen Strukturen Deutschlands notwendige Veränderungen noch rechtzeitig organisieren können.

Er kritisiert insbesondere die Haushalts- und Wirtschaftspolitik und wirft politischen Entscheidungsträgern vor, langfristige finanzielle Konsequenzen nicht ausreichend zu berücksichtigen. Auch Abwanderung gut ausgebildeter Menschen und die Qualifikationsstruktur von Zuwanderung nennt er als Beispiele für Entwicklungen, über deren langfristige Folgen aus seiner Sicht zu wenig gesprochen werde.

Jungen Menschen würde Friedrich unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht unbedingt empfehlen, ihre gesamte Zukunft in Deutschland zu planen. Vermögensaufbau sei für ihn eine wesentliche Voraussetzung für persönliche Freiheit und Selbstbestimmung. Andere Länder – insbesondere die USA – böten dafür seiner Einschätzung nach gegenwärtig teilweise bessere Bedingungen.

Bildung und Wettbewerb

Friedrich beschreibt die Berliner Metropolitan School, für die er sich gemeinsam mit seiner Frau engagiert, als Beispiel dafür, wie Wettbewerb bestehende Systeme herausfordern könne.

Das deutsche staatliche Bildungssystem orientiere sich aus seiner Sicht zu wenig am Wohl und an den Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder. Die Metropolitan School zeige dagegen, dass mit anderen Strukturen aus seiner Sicht bessere Ergebnisse bei niedrigeren Kosten möglich seien.

Darin sieht Friedrich ein grundsätzliches Muster: Bestehende politische und administrative Systeme hätten häufig wenig Interesse an Alternativen, wenn deren Erfolg das bestehende System infrage stelle.

Wettbewerb betrachtet er deshalb nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich als produktives Prinzip – vorausgesetzt, die Regeln seien fair.

Russland und der Krieg gegen die Ukraine

Friedrich stellt im Gespräch ausdrücklich klar, dass er den russischen Angriff auf die Ukraine nicht billigt. Gewalt habe für ihn in einem Interessenausgleich keinen Platz.

Gleichzeitig warnt er vor einer weiteren Eskalation zwischen Russland und dem Westen. Aus Gesprächen und eigenen Aufenthalten in Moskau und St. Petersburg habe er den Eindruck gewonnen, dass sich die russische Gesellschaft in den vergangenen Jahren deutlich verändert habe.

Während er unmittelbar nach Beginn des Krieges noch eine größere Bereitschaft zu Kompromissen wahrgenommen habe, erlebe er inzwischen eine Gesellschaft, die sich stärker gegen den Westen und insbesondere gegen Deutschland mobilisieren lasse. Diese Entwicklung bezeichnet Friedrich als gefährlich.

Er kritisiert deshalb die aus seiner Sicht zu starke Konzentration der deutschen und europäischen Politik auf militärische Mittel und fordert zusätzliche diplomatische Versuche. Gesprächspartner aus russischer Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur hätten ihm signalisiert, grundsätzlich zu Gesprächen bereit zu sein.

Die Verantwortung für einen Weg an den Verhandlungstisch sieht Friedrich allerdings ausdrücklich auch bei Russland: Da die russische Führung die militärische Eskalation begonnen habe, liege es in ihrer Verantwortung, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Interessen der Ukraine, Russlands und der europäischen Staaten miteinander verhandelt werden könnten.

Strategisch warnt Friedrich zudem davor, Russland dauerhaft in eine enge wirtschaftliche und geopolitische Verbindung mit China zu treiben. Eine solche Verbindung aus russischen Rohstoffen und chinesischer Wirtschafts- und Technologiekompetenz könne die Wettbewerbsposition Europas erheblich verschlechtern.

Freiheit, Nonkonformismus und Unternehmertum

Friedrich beschreibt sich selbst weniger als politischen Nonkonformisten denn als jemanden, der sich ungern mit vorgegebenen Grenzen abfindet.

Seine Erfahrungen nach der Wiedervereinigung hätten ihm gezeigt, dass fehlendes Kapital und fehlende Netzwerke nicht zwangsläufig bedeuten müssten, sich bestehenden Hierarchien unterzuordnen. Eine Alternative bestehe darin, eigene Strukturen und „ein neues Spielfeld“ aufzubauen.

Unternehmerischer Erfolg ist für ihn dabei kein Selbstzweck. Geld bezeichnet er als „Problemlösungsressource“. Wirtschaftliche Unabhängigkeit ermögliche einen größeren persönlichen Entscheidungsspielraum und damit ein selbstbestimmteres Leben.

Sein Ziel sei, für sich selbst, seine Familie, Mitarbeiter und Geschäftspartner einen möglichst hohen Grad an Freiheit zu schaffen.

Geheimdienste, Medien und Transparenz

Seine Erfahrungen mit staatlichen Sicherheitsstrukturen in der DDR hätten, so Friedrich, dazu geführt, dass er heute vergleichsweise gelassen mit Geheimdiensten und Nachrichtendiensten umgehen könne.

Er berichtet im Podcast von Begegnungen mit Vertretern verschiedener ausländischer Sicherheitsdienste und von einem Fall, in dem eine ausländische Macht versucht habe, Einfluss auf Personalentscheidungen in seinem Medienunternehmen zu nehmen. Mit Unterstützung deutscher Sicherheitsbehörden habe man dies abwehren können.

Kritisch sieht Friedrich mögliche Verbindungen zwischen Medien und staatlichen oder geheimdienstlichen Strukturen, wenn diese für das Publikum nicht transparent gemacht würden. Er spricht sich deshalb dafür aus, entsprechende Beziehungen oder Einflüsse gegebenenfalls durch Transparenzhinweise kenntlich zu machen.

Sein Ziel für die Ostdeutsche Medienholding

Friedrich beschreibt als langfristiges Ziel eine wirtschaftlich stabile, publizistisch eigenständige und gegenüber anderen Medienhäusern emanzipierte Ostdeutsche Medienholding.

Er wolle nicht selbst Teil eines neuen Establishments werden. Entscheidend sei vielmehr, Strukturen aufzubauen, die unabhängig von seiner Person funktionieren.

Genau darin sieht Friedrich schließlich auch das Ziel seines eigenen Engagements: Wenn die Medienholding dauerhaft wirtschaftlich stabil sei, eigenständig agiere und von ihren Wettbewerbern als gleichberechtigter Akteur behandelt werde, sei seine Aufgabe erfüllt.

Das vollständige Gespräch:
NZZ „Machtspiel“ – Was kann man vom Osten lernen? Holger Friedrich

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