Vom Ostproblem zur Deutschlandfrage
28.08.2026 - Update
Am 2. September findet im Händel-Haus in Halle das Hallesche Mediengespräch 2026 statt. Das Thema: „Meinung, Macht und Medien – wie plural ist der öffentliche Diskurs?“ Auf dem Podium wird unter anderem Verleger Holger Friedrich diskutieren.
Das ist eine gute Gelegenheit, noch einmal zurückzuschauen. Nicht weit zurück, nur bis ins Frühjahr 2025. Denn kaum jemand hat den damaligen Stand der Ost-West-Debatte so prägnant beschrieben wie Dirk Oschmann.
Am 2. April 2025 hielt Oschmann bei den Medientagen Mitteldeutschland in Leipzig seine Keynote „Westen – Osten in Deutschland. Spaltung, Abspaltung, Externalisierung, Auslöschung“. Gleich zu Beginn stellte er klar, sein Buch Der Osten. Eine westdeutsche Erfindung sei eigentlich gar kein Buch über den Osten. Es handele davon, wie der Westen über den Osten denke und rede – und welche gesellschaftlichen Folgen daraus entstünden.
Oschmanns Kernthese war so provozierend wie einfach: Der Westen werde als vielfältig und selbstverständlich wahrgenommen. Der Osten dagegen als Block. Es gebe München und Gelsenkirchen, Bayern und Schleswig-Holstein – aber im anderen Teil des Landes gebe es vor allem „den Osten“ und „die Ostdeutschen“.
Noch schärfer formulierte er, der Westen setze sich selbst als Norm und betrachte den Osten als Abweichung von dieser Norm.
Dirk Oschmann hat einen blinden Fleck beschrieben, den es gab – und den es teilweise noch immer gibt. Interessant ist heute allerdings, wie schnell sich die Koordinaten dieser Debatte verschieben.
2025 wurde noch intensiv darüber diskutiert, warum „der Osten“ anders wählt, anders auf Medien blickt, Institutionen weniger vertraut und sich dem politischen Konsens widersetzt. Immer schwang der westdeutsche Referenzpunkt mit: Warum ist der Osten noch nicht dort angekommen, wo der Westen schon ist? Diese Frage klingt mittlerweile absurd.
Die AfD ist längst keine ostdeutsche Regionalerscheinung mehr, sondern findet 70% ihrer Wähler in Westdeutschland. Das Misstrauen gegenüber Parteien, Medien und Institutionen endet nicht mehr an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Ebenso wenig die Kritik an Migrationspolitik, Energiepolitik oder der wirtschaftlichen Entwicklung. Was im Osten früher und deutlicher sichtbar wurde, ist inzwischen in unterschiedlicher Intensität in ganz Deutschland angekommen.
Vielleicht war der Osten also weniger die Abweichung von einer westdeutschen Normalität als Vorbote einer gesamtdeutschen Entwicklung.
Damit verändert sich auch die Ost-West-Debatte.
Wir erleben dabei eine Form ostdeutscher Emanzipation. Sie hat weniger mit einem neu gewonnenen Selbstbewusstsein zu tun als mit veränderten Rahmenbedingungen. Medien werden anders genutzt. Politische Bindungen verlieren an Kraft. Informationen und Gegeninformationen sind jederzeit verfügbar. Und gerade Menschen, die DDR, Systemwechsel und die wilden Transformationsjahre selbst erlebt haben, besitzen eine Lebenserfahrung, die Distanz zu scheinbar unveränderlichen Institutionen fast zwangsläufig begünstigt.
Dazu kommt eine politische Kultur, die Erfolg weniger danach beurteilt, welche Partei etwas beschlossen hat, sondern stärker danach, ob es funktioniert.
Genau deshalb wirkt ein Teil der alten Ost-West-Debatte inzwischen wie ein Nachhall aus der Nachwendezeit. Nikolaus Blome sortiert im SPIEGEL noch einmal nach dem vertrauten Schema: hier der „zahlende Westen“, dort der politisch undankbare Osten. Selbst die hinter vorgehaltener Hand angeblich „dröhnende“ Fantasie „Zaun drum und an Kasachstan verkaufen“ führt er als Ausdruck einer westdeutschen Wutwelle an.
Während manche noch versuchen, den Osten als Abweichung von der westdeutschen Norm zu erklären oder zu disziplinieren, ist die vermeintliche Abweichung längst gesamtdeutsche Entwicklung. Nicht der Osten entfernt sich von der deutschen Normalität. Die deutsche Normalität bewegt sich auf etwas zu, das im Osten nur früher sichtbar wurde. Wer das nicht erkennt, diskutiert nicht mehr die Gegenwart, sondern verteidigt den Maßstab von gestern.
Aber wer bestimmt eigentlich, was in Deutschland als normal, vernünftig und legitim gilt – und wer darf davon abweichen? Die Diskussion über den „andersartigen Osten“ beginnt ihren Reiz zu verlieren. Es wurde darüber inzwischen alles gesagt. Die interessantere Debatte findet eine Ebene höher statt.
Nicht mehr: Was ist da im Osten los? Sondern: Was ist in Deutschland los?
Warum wurden Entwicklungen, die im Osten früher sichtbar waren, so lange als regionale Abweichung interpretiert? Warum wurden manche Warnsignale nur moralisch bewertet als politisch bearbeitet? Und was bedeutet Pluralität im öffentlichen Diskurs, wenn gesellschaftliche Mehrheiten und etablierte Deutungsmuster beginnen, sich auseinanderzubewegen?
Genau deshalb haben wir die OAZ vor sechs Monaten gegründet: nicht als Ostzeitung für Ostdeutsche, sondern als vierte Himmelsrichtung im gesamtdeutschen Diskurs – der Osten ist für uns kein Zielgebiet, sondern ein Blickwinkel auf ganz Deutschland.
Und genau deshalb passt das Thema des Halleschen Mediengesprächs 2026 sehr gut in die aktuelle Entwicklung: „Meinung, Macht und Medien – wie plural ist der öffentliche Diskurs?“
Holger Friedrich wird am 2. September in Halle darüber mitdiskutieren.
Und wer sich vorher noch einmal vergegenwärtigen möchte, wo diese Debatte im Frühjahr 2025 stand, sollte sich Dirk Oschmanns Vortrag noch einmal ansehen:
Dirk Oschmann: „Westen – Osten in Deutschland. Spaltung, Abspaltung, Externalisierung, Auslöschung“
Für Interessierte
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